Dreherfordernisse an Deutschlands Filmstandorten nur noch bedingt umsetzbar

Motivaufnahmeleiter warnen vor steigenden Risiken für die zuverlässige Umsetzung von Drehvorhaben „on location“

Eine Branchenstudie zur Marktlage der deutschen Filmwirtschaft aus dem Jahr 2018 bestätigte einst, was die Branche längst spürte: Die Bedingungen an den wichtigsten Filmstandorten Deutschlands verschlechtern sich kontinuierlich. Zu den bewerteten Faktoren gehörten dabei auch die Verfügbarkeit von Locations, Mietkosten, Verkehrsinfrastruktur und die Kooperation mit Behörden.

Der Bundesverband Produktion Film und Fernsehen (BvP) stellte bereits in früheren Beratungen fest, dass die Motivaufnahmeleitung die am stärksten belastete Berufsgruppe innerhalb des Verbands ist. Diese Erkenntnis verstärkte sich während der Pandemie angesichts der zusätzlichen äußeren Problemstellungen bei Dreharbeiten „on location“.

Eine Analyse der Produktionsjahre 2022 und 2023 zeigt hingegen, dass die kumulierten Risiken durch unterschiedliche äußere Faktoren die zuverlässige Umsetzung von Drehvorhaben zunehmend gefährden, wenn diese bei der strategischen Planung nicht verstärkt einbezogen werden.

Die äußeren Faktoren werden dabei durch brancheninterne Herausforderungen wie stetig steigende Logistikanforderungen sowie Kostendruck verschärft. Diese Entwicklungen veranlassten den BvP bereits 2022 dazu, zu empfehlen, Motivaufnahmeleitungen bei fiktionalen Langfilm- und Serienformaten nur noch mit Assistenz zu kalkulieren und durchzuführen. Doch die fachlich ausreichende Besetzung dieser Assistenzpositionen gestaltet sich schwierig, trotz einzelner Qualifizierungsangebote für Nachwuchskräfte.

Kumulierung struktureller Risikofaktoren bei Drehs „on location“

Die Mitgliederversammlung des BvP hat die Problemlage analysiert und benennt die regelmäßig festgestellten Faktoren, die die Motivaufnahmeleitung zunehmend in ein unlösbares Dilemma manövrieren.

Äußere Faktoren:

  • Fehlendes Verständnis bei Genehmigungsbehörden für die Anforderungen von Dreharbeiten und für die nötige Flexibilität bei Änderungswünschen
  • Wachsende Kluft zwischen regionalem Marketing von Filmförderungen und restriktiver öffentlicher Genehmigungspraxis, die zu enttäuschten Erwartungen bei der Umsetzung von Filmvorhaben führt
  • Strengere Prüfung von Genehmigungsanträgen und aufwendigere Antragsverfahren, verstärkt durch die bundesweite Einführung der RSA21-Vorschrift für verkehrsrechtliche Maßnahmen
  • Verdichtung der Nutzung sowie Neuordnung öffentlicher Räume, insbesondere zugunsten von Rad- und Fußgängerverkehr
  • Zunehmende Konkurrenz um Sondernutzungsgenehmigungen im öffentlichen Raum durch gewerbliche Nutzung und öffentliche Veranstaltungen
  • Personal- und Fachkräftemangel sowie Digitalisierungsdefizite in der öffentlichen Verwaltung
  • Steigende Kosten für Genehmigungen und Locations, auch in Regionen abseits der Hauptfilmstandorte

Brancheninterne Faktoren:

  • Steigende Logistikanforderungen für Drehvorhaben „on location“
  • Unrealistische Standard-Kalkulationsvorgaben für Drehs „on location“ im Verhältnis zu regelmäßigen tatsächlichen Endkosten
  • Verspätungen in der Projektentwicklung, insbesondere bei Drehbüchern sowie Schließung der Finanzierung, kannibalisieren Ressourcen in knapp bemessenen Vorbereitungsphasen
  • Die Motivaufnahmeleitung ist regelmäßig nicht in strategische Planungsprozesse eingebunden. Berichte zu relevanten äußeren Risiken bedürfen regelmäßig „Fürsprecher“ von dritter Seite, um überhaupt in ihren möglichen Auswirkungen evaluiert zu werden.
  • Mangelnde Konfliktlösungskompetenz und unzureichende Anwendung von Kommunikationsstrategien bei Zielkonflikten
  • Fehlendes Bewusstsein für kontinuierliche betriebliche Verbesserungsprozesse in projektbezogenen Betriebsteilen von Filmunternehmen
  • Fehlende qualifizierte Assistenzstellen für die Motivaufnahmeleitung in Projektkalkulationen
  • Mangel an qualifizierten Weiterbildungsmöglichkeiten im Bereich der Aufnahmeleitung und deren Einbettung in duale Strukturen

Ein Fortbestehen dieser Probleme wird mit dem Ende der aktuellen Branchenflaute unweigerlich zu einem „Reality-Clash“ bei vielen Drehvorhaben in Deutschland führen – auf dem Rücken der Kolleginnen und Kollegen in der Motivaufnahmeleitung und im Location Management.
Die Grundvoraussetzung für eine lösungsorientierte Herangehensweise ist die fortgesetzte Kommunikation über Probleme und Zielkonflikte.

Regionale Unterstützung durch Film Commissions an den Standorten

Ein positives Beispiel für institutionelle Weichenstellungen hat jüngst die Film Commission Bayern geliefert. Sie hat mit der Stadtverwaltung München einen regelmäßigen Runden Tisch unter Vertretung von Branchenpraktikern initiiert, dessen Verstetigung nun nach einer politischen Informationskampagne – unterstützt von mehreren Branchenverbänden einschließlich des BvP – vom Münchner Stadtrat beschlossen wurde.

Konkrete Ergebnisse und Verbesserungen sind damit zwar noch nicht erreicht, doch die Voraussetzungen sind geschaffen. Wichtig für die gewünschte intensivere Teilhabe der Region an nationalen und internationalen Großprojekten. Dieser Austausch zwischen Filmwirtschaft und öffentlicher Verwaltung sollte auch an anderen Filmstandorten Schule machen – denn tatsächlich geht es um den Erhalt des operativen Minimums. Rein finanzielle Anreize regionaler Filmförderungen allein verlieren angesichts von Verwaltungshemmnissen und schlechten Drehbedingungen ihre Relevanz für die Standortwahl.

Die Film Commission Bayern wird angesichts der Herausforderungen ihre Stabpositionen aufstocken und empfiehlt dies gleichfalls dem zuständigen Filmbüro der Landeshauptstadt München. Auf absehbare Zeit werden die Probleme bei allem guten Willen dennoch nur projektbezogen zu lösen sein.

Mangelverwaltung versus Lösungsorientierung

Die qualitative Entwicklung und ein zielorientierter Einsatz von personellen Ressourcen zur Risikominimierung für die Planung von Drehvorhaben „on location“ ist ein Gebot der Stunde.
Der Einsatz einer qualifizierten Assistenzstelle in der Motivaufnahmeleitung für das Tagesgeschäft – unabhängig von branchen-internen Kategorien (Anzahl der Drehtage, Kinofilm etc.) ist angesichts der dargestellten Problemstellung letztlich nur eine verallgemeinerbare Minimalerfordernis, die – antizyklisch in der Zeit der derzeitigen Branchenflaute – genau jetzt entwickelt und als Workflow-Standard zur Umsetzungsreife gebracht werden müsste.

Zur Meldung in der Rathaus-Rundschau München:
https://ru.muenchen.de/2024/135/Filmstandort-Muenchen-wird-gestaerkt-113865