Betriebliche Weiterbildung in der freien Filmproduktion 90% unter Bundesdurchschnitt

Pilotstudie des Arbeitskreis Fachkräftestrategie Film & TV zeigt strukturelle Herausforderungen. Eine erste sachliche Einordnung.

Berlin, 12. Juni 2024: Der zweite Auswertungsteil einer Befragung von Filmschaffenden im September 2023 wurde vom bundesweiten Arbeitskreis Fachkräftestrategie Film & TV vorgelegt. Während sich der erste Teil der Auswertung mit der Beschäftigungs- bzw. Auftragslage der Filmschaffenden befasste (wir berichteten am 24. Januar 2024), beleuchtet der zweite Teil nun die Weiterbildungsaktivitäten der Befragten innerhalb der vorangegangenen 12 Monaten, also zwischen September 2022 und September 2023.

Key-Facts

  • 71% der Befragten haben an keiner Weiterbildung teilgenommen.
  • 19% der Befragten haben an einer Weiterbildungsmaßnahme teilgenommen.
  • 8% der Befragten haben an zwei bis drei Weiterbildungsmaßnahmen teilgenommen.
  • Die Hauptursachen für die fehlenden Weiterbildungsaktivitäten der Befragten können in der besonderen Beschäftigungsstruktur der Branche vermutet werden.
  • 60% der wahrgenommenen Weiterbildungen wurden von den Befragten privat finanziert, lediglich 13% der Weiterbildungen wurden vom Arbeitgeber finanziert, 27% der Weiterbildungen wurde durch vielfältige Quellen finanziert.

Übergeordnete sachliche Einordnung

Die Studie stellt ihre Ergebnisse in den Kontext des jüngsten AES-Trendberichts des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) aus dem Jahr 2022, welcher eine Quote von 60% an Teilnehmenden an Weiterbildungsaktivitäten unter allen Beschäftigten in Deutschland ermittelt. Der größte Anteil hiervon entfällt auf betriebliche Weiterbildung. Das nationale Ziel im Rahmen der EU-2030-Strategie ist das Erreichen einer Weiterbildungsbeteiligung von 65%.

Im Vergleich hierzu nahmen nur 29% der Beschäftigten im Bereich Filmproduktion und Postproduktion an Qualifizierungsmaßnahmen teil. Die Befragung erhob zwar nicht den Anteil betrieblicher Weiterbildung an dieser Zahl, doch lässt das Ergebnis von 13% der durch Betriebe finanzierten Weiterbildung den Schluss zu, dass die Quote betrieblicher Weiterbildung in Bezug auf die Gesamtheit der Befragten bei rund 4% liegt. Der AES-Trendbericht weist demgegenüber eine deutschlandweite Quote betrieblicher Weiterbildung von 42,6 % aus. Gemessen an diesen Zahlen liegt die Chance auf betriebliche Weiterbildung  in der freien Filmproduktionsbranche bei rund einem Zehntel des bundesdeutschen Durchschnitts.

Schlussfolgerungen

Die als Pilotstudie zu lesende Erhebung liefert zuvorderst wichtige Erkenntnisse über Ansatzpunkte zum Ausbau berufsbegleitender Weiterbildungsangebote für die Filmproduktion, und ebenso über die Gründe für eine markant unterdurchschnittliche Weiterbildungsquote ebendort. Im zunehmenden Kampf um Fachkräfte mit deren Bedarf an Bildungsperspektiven verdeutlicht die Studie die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Erschließung von Lösungswegen zur Bewältigung der besonderen strukturellen Herausforderungen. Gestaltbar erscheint die Verringerung von Lücken im Angebot berufsbegleitender Weiterbildung für Unternehmen und Filmschaffende. Komplexer wird die Sachlage bei der Finanzierung derselben.

Die Studie zeigt weiters einen leicht überdurchschnittlichen Bedarf an Weiterbildung bei der jüngsten Altersgruppe. Dies deutet darauf hin, dass bei der jungen Generation ein ausgeprägteres Bewusstsein für das gesellschaftliche Versprechen des „lebenslangen Lernens“ vorhanden ist. Oder dass vorhandene Möglichkeiten der Einstiegsqualifizierung oder branchenfremde Qualifikationen ohne mehrjährige (branchenfremde) Vorerfahrungen als ungenügend eingestuft werden. Die Förderung beruflicher Handlungsfähigkeit beim Nachwuchs  der Filmproduktionsbranche mit ihren hochspezialisierten Tätigkeiten würde demnach gleichfalls ein besonderes Augenmerk erfordern, um die Branche als Arbeitsfeld attraktiver zu gestalten.

Und nicht zuletzt lässt die Studie implizit eine weitere Schlussfolgerung zu. Die zugrundeliegende Befragung adressierte zweierlei Themen: Fragen zur Erwerbssituation vor dem Hintergrund der aktuellen Auftragsflaute, daneben aber auch Fragen zu Weiterbildungsaktivitäten. Man darf ungestraft annehmen, dass eine Selbstvergewisserung über die Erwerbssituation in einer Branchenkrise das primäre Interesse bei der Teilnahme der Befragten gewesen ist. Nichts desto trotz geben sowohl der nur graduelle Unterschied bei der Anzahl von Antworten zu beiden Themengebieten als auch das Ergebnis von nur 9% von Befragten ohne Weiterbildungsbedarfe einen deutlichen Hinweis darauf, dass beide Themenfelder als ähnlich relevant zur Orientierung über berufliche Perspektiven in der freien Filmproduktion angesehen werden.

Es bedarf einer Verstärkung bundesweiter Bemühungen um eine Fachkräftestrategie Film & TV

Aus Sicht des Bundesverband Produktion Film und Fernsehen (BvP) hat der bundesweite Arbeitskreis Fachkräfte-Strategie Film & TV seit Februar 2023 in seinen Arbeitsgruppen entscheidende erste und konkrete Grundlagenarbeit für eine Weiterentwicklung der Aus- und Weiterbildung für Filmberufe sowie für ein zukünftig besseres Berufseinsteiger- und Bewerber-Matching geleistet. Darüber hinaus bot er Branchenakteuren und Verbänden ein Forum zum fachlichen Austausch und zur Orientierung über das Personalwesen der Branche. Mit dem Auslaufen der staatlichen Förderung für den Weiterbildungsverbund Media Collective als Ausrichter des Arbeitskreises ist zurzeit auch die Weiterführung dieses Forums ungewiss. Wir begrüßen daher ausdrücklich die Unterstützung vieler Partner im Arbeitskreis für eine Fortführung des Formats unter neuem Dach. So konnte ein neuer Antrag auf Projektförderung auf den Weg gebracht werden, welcher bei positivem Bescheid eine Neukonstituierung des Arbeitskreises noch in diesem Jahr ermöglichen würde. Unabhängig von der förderfähigen Agenda einer Projektgruppe Fachkräftestrategie wären die Akteure der Branche gut beraten, die strukturelle Schwäche der Branche bei der Top-Level-Koordinierung des zukünftigen Personalwesens der Branche aktiv anzugehen, um den erforderlichen Fortschritt nicht wieder in Gänze in die Hände von Einzelakteuren zu legen. Wie das gehen könnte, demonstrieren Beispiele aus anderen Wirtschaftssparten mit ähnlichen Unternehmensstrukturen.

Der Arbeitskreis Fachkräfte-Strategie Film & TV wurde im Februar 2023 unter dem Dach des Weiterbildungsverbund (WBV) Media Collective gegründet, einem Projekt des Erich Pommer Institut, welches als regionales Projekt mit Pilot-Charakter für die Gesamtbranche vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gefördert wurde. Der Bundesverband Produktion Film und Fernsehen (BvP) ist als bundesweit organisierter Berufsverband Partner des WBV Media Collective sowie Mitglied im Arbeitskreis Fachkräftestrategie Film & TV.

Die Studie steht als PDF-Download auf der Website des WBV Media Collctive zur Verfügung (Link zum Download beim Media Collective). Weitere Dokumente des WBV Media Collective können dort gleichfalls eingesehen werden (https://www.epi.media/wbv/).