Überlange Arbeitszeiten am Set sind ein konkretes Sicherheitsrisiko

Führende US-Kameraleute appellieren an Produzenten, endlich die brutal langen Arbeitstage zu bekämpfen

Die Liste der 14 unterzeichnenden Kameraleute liest sich wie das Who-Is-Who von Hollywoods Kino, denen teilweise auch die Arbeitsbedingungen in Deutschland nicht unbekannt sind. Und sie bringen in einem Schreiben unmißverständlich ihre anhaltende Sorge über unsichere Arbeitszeiten zum Ausdruck, also “über eine Praxis, die trotz medizinischer und unbestreitbarer Beweise für durch Erschöpfung ausgelöstes Unheil unverändert fortgesetzt wird”. Am herausstechendsten seien die zahlreichen Autounfälle gewesen, in welche Kollegen in den letzten Jahren verwickelt waren.

Man stellt fest, dass das abgelaufene Jahr gezeigt habe, “dass wenn Arbeitgeber und Fachkräfte bei der Bekämpfung eines weltweiten Sicherheitsrisikos zusammenarbeiten, es möglich ist alle zu schützen und dabei auch die ambitioniertesten Projekte zu vollenden. Es ist höchste Zeit, diese Intelligenz und Ressourcen, die uns offenkundig zur Verfügung stehen, zu nutzen, tägliche Ruhezeiten zu erhöhen und wöchentliche Ruhezeiten einzuführen, um die physische und mentale Gesundheit jedes Teammitglieds zu schützen. Jetzt ist die Zeit, eine bedeutende Wende herbeizuführen.”

Das Schreiben entstand weder zufällig, noch zufälligerweise zum jetzigen Zeitpunkt. Es ähnelt stark einer gemeinsamen Erklärung der 13 Vorsitzenden der Westküsten-“Locals” der IATSE im Juli diesen Jahres, also von 13 Zweigen der weltweit größten Gewerkschaft der Unterhaltungsindustrie, der International Alliance of Theatrical and Stage Employees, Moving Picture Technicians, Artists and Allied Crafts of the United States, it’s Territories, and Canada (kurz “IA” oder eben IATSE). Und die Veröffentlichung des Schreibens erfolgt einige Tage vor dem Start von Vertrags-Verhandlungen zwischen der IATSE und der Alliance of Motion Picture and Television Producers (AMPTP), und alle seine Unterzeichnenden sind Mitglieder der “Local 600” der IATSE, nämlich der International Cinematographers Guild, welche wie die im Juli ebenfalls bereis mitzeichnenden Locals 700 (Editors Guild) und 800 (Art Directors Guild) national organisiert ist, und nicht etwa nur lokal in Los Angeles.

Amerika als Vorbild?

Der Vorstoß der amerikanischen Gewerkschaft kommt weder überraschend, noch zum ersten Mal. Bereits mehrfach waren die Appelle insbesondere der Kameraleute rund um den Globus zu hören. Denn regelmäßig waren auch Personen aus dem Camera-Department betroffen, einschließlich eines aufsehenerregenden tödlichen Unfalls eines international bekannten DoP’s. Bereits vor 4 Jahren war die berührende Dokumentation “The Human Face of Unsafe Hours” (11 Min) entstanden, in welchem (überlebende) Unfallopfer eindrücklich die Begleitparameter ihrer Unfallfahrten schildern. Und ausnahmslos berichten sie von einem kontinuierlichen Überlastungszustand, exorbitanten Arbeitszeiten und zu kurzen Ruhezeiten. Die Schilderungen klingen in unseren Ohren wie ein einziger großer Albtraum. Und die kritischen Punkte an sich sind nichts, was Filmschaffenden in Deutschland gänzlich unbekannt wäre.

Doch die Bedingungen scheinen sich erheblich zu unterscheiden. In der Dokumentation ist mehrfach die Rede von regelmäßigen, disponierten Arbeitszeiten von 15 oder 16 Stunden pro Tag bei gleichzeitiger Unterschreitung der täglichen und Wochen-Ruhezeiten bei fiktionalen Langfilmen.
Die Arbeitszeitgesetze sind in den Vereinigten Staaten uneinheitlich geregelt, doch in Kalifornien als Sitz der Local 600 gibt es kaum Beschränkungen bei der Mehrarbeit (über 8 Stunden täglich / 40 Stunden wöchentlich), solange Überstunden bezahlt werden. Mindestzuschläge, Ausnahmen und Befreiungen sind dabei in Kalifornien gesetzlich fixiert.
Es war um die Jahrtausendwende, dass sich ein Teil der amerikanischen Filmschaffenden von ihren Gewerkschaften verraten fühlte, nämlich nachdem diese die bis dahin rigiden Verbote sowie exorbitanten Penalty-Zahlungen hinsichtlich der Pausen, Ruhe- und Arbeitszeiten zugunsten höherer Lohnzuschläge und Union-Approval-Zahlungen aufgeweicht hatten. Die Empörung hierüber war auch an internationalen Sets in Deutschland zu hören und zu spüren. Bis ca. 2001 war klar, dass die Jobs der Assistant Directors konkret wackelten, wenn Mittagspausen oder kalkulierte und genehmigte Tagesdrehzeiten nicht eingehalten wurden. Das war eine Zeit, in der die Callsheets noch mehrere Unterschriften-Felder aufwiesen, die auch zu nutzen waren. “Hire and fire” war (und ist) eben auch eine  Realität der angelsächsischen Filmindustrie.

Danach jedenfalls gab es nur noch den Wilden Westen – und bei uns (beginnend vor den Toren Berlins), den Wilden Osten. Denn die Internationalen Crews standen nicht ganz ohne Grund plötzlich bei uns vor der Tür. Die Globalisierung der Filmproduktion hatte längst eingesetzt, und Überstunden waren und sind bei uns definitiv günstiger zu haben als in Kalifornien. Und sollte sich dies ändern, dann geht die Reise halt in andere Länder, in denen eine “Internationalisierung” unserer Berufe (zumindest, was die englischsprachigen Job-Titel bestrifft) attaktiv oder veheißungsvoll erscheint.

Was sind unsichere Arbeitszeiten?

Ja, was sind denn nun aber unsichere Arbeitszeiten? Offensichtlich gibt es durchaus Schnittmengen zu dem, was erlaubt ist. Doch selbst was erlaubt ist, ist durchaus umstritten oder unklar. Unstrittig ist, dass zuviel Arbeit das Risiko für chronische und akute Erkrankungen signifikant steigen lässt, ebenso wie keine oder zuwenig Arbeit statistisch gesehen ein erhöhtes Krankheitsrisiko darstellt. Im Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) §5 Abs.3 heisst es: “Eine Gefährdung kann sich insbesondere ergeben durch die Gestaltung von Arbeits- und Fertigungsverfahren, Arbeitsabläufen und Arbeitszeit und deren Zusammenwirken”, und das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) verweist im Kontext von Nacht- und Schichtarbeit auf die zwingende Berücksichtigung gesicherter arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse  bei der Gestaltung der Arbeitszeit.

Es sind insbesondere vier Faktoren, die den Unterschied machen: Die Lage, die Dauer und die Variabilität der Arbeitszeit, sowie ebenfalls die Einflussmöglichkeit von Beschäftigten auf ihre Arbeitszeit und auf das Arbeitspensum.
Alle aktuellen Studien sind sich einig: Nach etwa 8 Stunden Arbeitszeit nimmt die Effektivität deutlich ab. Ermüdung und schlechtere Konzentration steigen an, ebenso wie die Unfallgefahr, abhängig von der konkreten, tätigkeitsbezogenen Belastungssituation, und die Produktivität sinkt. Nicht zuletzt der Arbeitszeitreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) stellt einen direkten Zusammenhang her zwischen Schmerzen im Bewegungsapparat, Kopfschmerzen, Einschlafschwierigkeiten, Verdauungsproblemen und anderen sogenannten psychovegetativen Beschwerden und einer regelmäßigen Überschreitung einer wöchentlichen Arbeitszeit von 40 Stunden. Der häufigste Grund für Überstunden ist, dass die Arbeit sonst nicht zu schaffen ist. So gehen längere Arbeitszeiten und Überstunden häufig einher mit starkem Termin- oder Leistungsdruck, einer Überforderung durch die Arbeitsmenge sowie Pausenausfall. Und die BAuA fasst ihren Bericht von 2016 wie folgt zusammen: “Vollzeitbeschäftigte in Deutschland arbeiten wöchentlich durchschnittlich knapp fünf Stunden länger als vertraglich vereinbart. Fast die Hälfte der abhängig Beschäftigten möchte ihre Arbeitszeit verringern. Wer planbare Arbeitszeiten und Einfluss auf die Gestaltung seiner Arbeitszeit hat, ist oft gesünder und hat eine bessere Work-Life-Balance. Das sind Ergebnisse des ersten BAuA-Arbeitszeitreports auf Grundlage einer repräsentativen Befragung.”

Work-Life-Balance als Ausdruck von Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz

Zweifelsohne gehören freie Filmschaffende zu jenen 24% der männlichen bzw. 9% der weiblichen Beschäftigten in Deutschland, welche mindestens zwischen 48 und 60 Stunden pro Woche arbeiten, in Ausnahmefällen auch mehr. Und auch Filmschaffende, die regelmäßig mehr als 60 Stunden pro Woche arbeiten müssen, findet man nach wie vor, und dies wahrlich nicht nur in der Leitungsebene. Dennoch kann man vermutlich nicht nur aus unserer Sicht konstatieren, dass die Gesetzeslage in Deutschland im Allgemeinen einen wesentlich ausgeprägteren direkten Schutzeffekt für Arbeitnehmer entfaltet, als in den USA. Doch was dies für eine Branche bedeutet, deren Arbeit in der “physischen Produktion” nahezu alle Gewissheiten von Standard-Annahmen des Arbeitsgesundheitsschutzes  vollständig hinter sich lässt, ist und bleibt höchst unklar. Und genau wegen dieser Unklarheit sollte eigentlich ein Alarmsignal in jeder Gefährdungsbeurteilung in der Filmbranche resultieren. Die Fachkräfte, von welchen die IATSE spricht, sind nämlich zuvorderst die Fachkräfte für Arbeitssicherheit, und diese müssen im Rahmen ihres Auftrags auf reale und potentielle Probleme hinweisen und beraten, auch zu den Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen des Erlaubten.
Die gesetzlichen Unfallversicherer berechnen die Pflichtbeiträge von Filmproduktionsfirmen mit einem erhöhten Risikoschlüssel, und der Grund hierfür wird gemeinhin im Auftreten von Multi-Belastungen gesehen. Die potentiellen Auswirkungen überlanger Arbeitszeiten auf die erhöhten Gesundheitsrisiken von Filmschaffenden sind also objektiv ebenfalls höher einzustufen. Multi-Belastungen addieren sich nicht nur, sondern multiplizieren häufig das Gesamtrisiko.

Im Tarifvertrag TV-FFS lässt sich jedoch unverändert eine mittlerweile traditionelle Allianz der Tarifpartner ablesen – und zwar in der Frage der gesetzlich maximal zulässigen Ausdehnung der allgemeinen Arbeitszeiten. Im Detail immerhin, also auf der Ebene der tariflichen Regelungen, werden nicht erst mit dem letzten Neu-Abschluss des Manteltarifvertrags zunehmend alle Stellschrauben genutzt, um die Ruhephasen der Filmschaffenden zu verbessern. Um die Branche jedoch den Standards der Deutschen Wirtschaft substantiell anzunähern, wird in absehbarer Zeit Hand an die Folgen des größten, denkbaren Sündenfall der Tarifpolitik zu legen sein, nämlich die nicht nachzuweisende pauschale Grundannahme von bis zu 3 Stunden täglicher Bereitschaftszeit (blosse Anwesenheit bei fokussierter Aufmerksamkeit) für die Summe aller Filmberufe.

Auch bei uns und nicht nur in den USA wird es also in den Tarifrunden der nächsten Jahre darum gehen, ob man sich die Zustimmung zu gesundheitsschädlichen, überlangen Arbeitszeiten auch zukünftig noch teuer abkaufen lassen möchte, oder ob man eine substantielle Verbesserung im Gesundheitsschutz und in den allgemeinen Arbeitsbedingungen auch und gerade für den von allen heiss ersehnten Branchennachwuchs erreichen kann. Doch dies scheint selbst unter den betroffenen Filmschaffenden keine ausgemachte Sache zu sein.

Dass wir vor diesem Hintergrund in Deutschland in den letzten Jahren anders als unsere amerikanischen Kolleg*innen keine aktenkundigen Verkehrstoten unter den Filmschaffenden auf dem Heimweg vom Set zu verzeichnen hatten, beruhigt nur ein wenig.